Nach dem heftigen Wintereinbruch fängt wieder das richtige Berggehen an, wo man sich seine Gipfel hart erkämpfen muss. Am Mittwoch am Bettelwurf hab ich gesehen, dass ich das Spuren noch nicht verlernt hab – also verschlugs Tizi und mich am Samstag (24.9.) ins Zillertal zum Großen Möseler (3480m). Der Tag fing fast unmenschlich früh an und als wir nach ein paar einspurigen Tunneldurchfahrten bei Rot (aber wer wartet um 4 in der Früh freiwillig 20min Stehzeit ab?) um halb 5 beim Schlegeisspeicher aus dem Auto aussteigen wollten, sitzt die Tizi wie steifgefroren da – Hexenschuss, autsch nix geht mehr, Scheiße … alles umsonst? Ich kann sie schließlich doch dazu überreden, es wenigstens zu versuchen – ohne Druck, irgendwohin zu müssen, also gut, einen Versuch ists ja wert.
Wir radelten den Stausee entlang bis zur Materialseilbahn des Furtschaglhauses und waren erstaunt über die Schneemassen hier auf nicht einmal 1800m – muss brutal viel geschneit haben. Kurz vor halb 7 kamen wir pünktlich zum Hellwerden am Furtschaglhaus an, hier auf 2300m lag teilweise schon fast knietief Schnee. Tizi war ziemlich fertig und beschloss, auf der Hütte zu bleiben, ich wollte allein was kleineres machen. Zuerst sollte es noch einen gemeinsamen Kaffee auf der Hütte geben, also rein ins Warme – wir waren bis auf ein paar Schafbauern, die ihre Viecher noch einsammeln mussten die ersten Gäste seit einer ganzen Woche. Die Wirtin erzählte, dass am Montag Abend nach dem Schneefall 120cm Schnee lagen – da wunderte mich nix mehr. Gegen halb 8 wollte ich dann allein Richtung Schönbichlerhorn aufbrechen, da war Tizi auf einmal wieder motiviert und wollte es probieren, soweits ging – auch gut.
Wir stapften weg und ich musste gleich von Anfang an hart Spuren, jeder Schritt im eh schon unsympatischen Blockgelände versank ungefähr knietief durch einen nicht tragfähigen Harschdeckel – ganz fein zum Gehen und gar nicht anstrengend, wenn man Schritt für Schritt durchbricht. Aber nutzt nix, aufi muasch und Tizi kam hinten auch langsam in Fahrt. Für die 450hm bis zum Gletscher hab ich gut 1,5 Stunden gebraucht, aber viel schneller hätt ich fast nicht können. Angeseilt gingen wir weiter über den ziemlich chaotisch zerrissenen Furtschaglkees, es hieß echt teuflisch aufpassen, vor allem mit den frischen, aber nicht tragfähigen Schneebrücken über Spalten in alle Richtungen. Wir querten unter dem markanten Felsköpfl nach Osten, um so zu unserer Eisflanke auf der Nordwestseite des Gipfels zu kommen. Der Gletscher steilt sich schon früh ziemlich auf, in dem tiefen Schnee wars echt ein wilder Kampf. Zudem wurden die Spalten auch nicht weniger, teils taten sich echt riesige Löcher auf. Schließlich erreichten wir den Einstieg unterm mächtigen Eisbruch – 4 Stunden haben wir für die knapp 900hm da herauf gebraucht, ohne Trödeln, unglaublich mühsam!
Aber endlich gings ins Eis, ich schwindelte mich ganz links außen am Eisbruch vorbei in etwa 50-55° steilem Gelände mit feinem Eis, Tizi folgte nach einer halben Seillänge nach, gesichtert haben wir mit Tiblocs an Eisschrauben. Zum Klettern wars super, immer am Rand vom Eisbruch dahin mit etwas flacheren und steileren Abschnitten. Einen Stand musste ich dennoch bauen, da mir die Tiblocs ausgingen, nach dem Stand ging Tizi voraus, bis sich das Eis abflachte und nix mehr zu sichern war – dafür war wieder umso tieferes Spuren angesagt. Nachdem die frisch verschneiten Spalten nicht weniger wurden, wichen wir auf den Felsgrat aus, da war auch schon das Gipfelkreuz recht nach zu sehen. Beim Blick auf die Uhr pfiff ich den Gipfel aber ab, es war schon fast 14 Uhr – 6,5 Stunden ohne Pause von der Hütte, der tiefe Schnee forderte doch anständig. Wir machten also unseren Gipfel am Markierungspunkt auf 3458m fest, genug für heute, ich wollte auf keinen Fall im Dunkeln über den zerissenen Gletscher unten einen Weg suchen, wer weiß, was uns bis dahin noch alles aufhält…
Nach einer kurzen Jausenpause folgten wir dem Gletscherbuckel, auf dem der Normalweg gehen musste bis zum felsigen, ziemlich verschneiten Steilabbruch, wo hin und wieder ein Steinmanndl zu sehen war. Abgestiegen wurde rückwärts parallel mit Eisausrüstung durch den steilen Schnee, ging wohl so am schnellsten. Irgendwann waren keine Steinmanndln mehr zu sehen und es war echt fraglich, wos jetzt genau hinunter ging … nirgends war wirklich zu erkennen, ob nicht ein Abbruch dazwischen war, steil wars überall. Wir fanden aber doch runter und kamen auf den Schlegeiskees, der nicht weniger zerrissen war als der Furtschaglkees nebenan. Nach der Überquerung einer Spaltenzone trafen wir auf unsere Aufstiegsspur – geschafft, zumindest der schwierige Teil! Dann hieß es erst einmal durch den in der Nachmittagshitze voll durchnässten, bodenlosen Schnee zur Hütte hinunterschwimmen … immer wieder sackten wir bis zum Bauch oder noch tiefer in irgendwelchen Löchern ein. Dann, endlich um 17:30 waren wir wieder bei der Hütte, genau 10 Stunden am Weg vom Aufbruch in der Früh.
Ziemlich durstig und hungrig genoßen wir dann eine Suppe und einen vorzüglichen Kaiserschmarrn gemeinsam mit immerhin zwei Übernachtungsgästen. Nach einer Stunde brachen wir wieder auf, Tizi kämpfte sich mit ihrem starren Genick auch brav nach unten zu den Radln. Beim Auto warn wir gegen 19:45 … satte 15 Stunden unterwegs. Wenn man die insgesamt etwa 2,5h Hüttenaufenthalt abzieht, sinds immer noch über 12 Stunden ohne wirklich lange Rast, an die 9h reine Gehzeit. Also alles in allem ein ziemliches Tschach, aber auch unglaublich lässig und eindrucksvoll, weil wir den ganzen Tag allein am Weg waren, alles gespurt haben und auch auf den Bergen rundherum absolut niemanden gesehen haben – das, obwohl der Hochfeiler gegenüber frisch verschneit gar nicht so schlecht aussgeschaut hat. Super, langer Tag jedenfalls, den wir voll am Berg ausgekostet haben – das haben wir auch nur können, weil Tizi eiskalt durchgebissen hat und sich ihre erste Eisflanke nicht entgehen lassen wollt … danke :)
P.S.: sehr zu empfehlen das gut ausgebaute Furtschaglhaus mit supernetten Wirtsleuten, die die Hütte schon seit über 15 Jahren bewirtschaften!
